SCHICKSAL «Alles gut, du kannst ruhig sterben» Der Vater der Autorin Miriam Zollinger verliert nach und nach sein Augenlicht und damit die Selbstständigkeit, die ihm immer wichtig war. Als er sich entscheidet, mit EXIT zu gehen, beginnt für die Familie eine Zeit der letzten Male: Gespräche, Besuche, ein Tessin-Wochenende, ein letztes Essen. Ein persönliches Protokoll über Selbstbestimmung, Liebe und Abschied. Wie oft schon haben wir am Tisch meiner Eltern gesessen, die Agen- den vor uns, haben Essen fixiert, Kon- zert- oder Opertermine. Doch heute, im März 2025, ist alles anders, denn auch die Freitodbegleiterin meines Vaters, Erica Tanner, ist hier. Er ist 87 und dass er eines Tages selbst- bestimmt aus dem Leben scheiden würde, ist schon lange klar: Er hat ein Glaukom, das Fortschreiten der Krankheit lässt sich jedoch jahrelang aufhalten resp. verlangsamen. Eine OP, um den Augendruck zu sen- ken, missglückt leider und in seinen letzten Jahren verliert er sukzessive seine Sehkraft und damit zuneh- mend die Selbstständigkeit. Und wenn er eines nicht will, ist es das: nicht mehr eigenständig, sondern abhängig sein, zur Last fallen. Le- bensqualität ist für ihn das höhere Gut als Lebensdauer. Entscheid ak- zeptiert, respektiert. Von Anfang an. Als die Sicht schwindet Mein Vater ist Ingenieur, hat eine erfüllte Berufslaufbahn hinter sich und erfüllt sich nach der Frühpen- sionierung seinen grossen Traum: ein Studium der Germanistik und Kunstgeschichte. Diese Zeit gehört zur schönsten seines Lebens. Als be- reichernd empfindet er auch Frei- willigenarbeit, doch sie muss er zu seinem Leidwesen aufgeben, als das Sehvermögen nachlässt. 4 EXIT-Info 3.2026 Anfänglich geht er aktiv dagegen an, legt sich ein Lesegerät zu, lässt sich beraten, ist mit weissem Stöck- lein unterwegs. Hoffen, dass er noch etwas länger mag Die Verschlechterung kommt in Schüben: Ende 2022 bemerkt er einen Schleier vor den Augen und sagt, das nächste Jahr werde er nicht vollenden. Nur Monate spä- ter, an seinem 85. Geburtstag, be- stellt er Tickets für die Opernsaison 2023/24. Das ist mehrmals so: Hof- fen, dass er noch etwas länger leben mag und dann wieder schwierige Phasen, wenn die Sicht erneut ab- nimmt. Der Radius wird kleiner Ende 2023 drängt er auf den Verkauf der Eigentumswohnung, wo mei- ne Eltern seit über 30 Jahren sehr glücklich sind. Ein schwerer Schritt, vor allem für meine Mutter, doch er will den Wechsel selbst bestimmen, bevor er sich als notwendig erweist. Auch möchte er, dass sie gut ver- sorgt ist, wenn er nicht mehr ist. Den Umzug ins Tertianum Zollikerberg im März 2024 organisiert er selbst. Sein Radius wird kleiner, bald kann er nicht mehr alleine weg, um Freun- de zu treffen. Immerhin: Sein Tor zur Welt, das Handy (er besitzt stets das neuste Modell) bedient er nach wie vor ganz gut. Das Kurzzeitgedächt- nis indes wird schlechter, er schläft nicht gut in der Nacht, dafür öfter am Tag. Rückblickend erste Anzei- chen dessen, was er nebst der Erblin- dung am meisten fürchtet: geistigen Abbau. Im Sommer kommt er häufiger auf EXIT zu sprechen, er merke, dass der Kopf nachlasse. Nun betont er mehrmals, dass er nicht mehr mag, hat neu gar Mühe mit dem Handy. «Ich sehe hier in der Residenz, wie alt so viele werden», sagt er, das will er nicht, und darum irgendwann zwi- schen Herbst und Weihnachten ge- hen. So konkret und verzweifelt ist er erstmals. Leider plagen ihn nun vermehrt Ängste, ob wir alles handhaben können nach seinem Tod, Finanzen, den Bürokram. Dabei hat er alles bestens aufgegleist und organisiert. Dass ihn das so plagt, ist auch für uns schmerzhaft. Noch einmal Weihnachten Im November 2024 schaut Frau Tan- ner erstmals am neuen Ort vorbei: Es soll nun doch etwas später werden, denn Weihnachten wollen wir noch- mals zusammen feiern. Ja, es sei schwer, sagt meine Mutter, dass er gehen will, «aber vielleicht schläft er