Realistin. Ich weiss, dass vieles im Leben keinen Sinn ergibt. Und ge- nau dort fängt für mich Sinn an. Ich glaube an etwas, das grösser ist als wir, aber nicht an etwas, das alles erklärt. Vielleicht ist das Gott, viel- leicht reine Energie, vielleicht ein- fach Liebe. Ich weiss nur: Wenn man einem Sterbenden die Hand hält, gibt es einen Moment, in dem alle Konzepte zusammenfallen. Und das ist vielleicht der ehrlichste Moment von allen. Spiritualität heisst für mich nicht Flucht, sondern Erdung. Ich bin Theologin, aber ich brauche keine Dogmen. Ich brauche Wahrhaftig- keit und Begegnung. Welche Besonderheiten ergeben sich bei der Begleitung von Men schen, die sich für den Weg mit EXIT entschieden haben? EXIT bewegt viele, weil es zentrale Themen berührt: Freiheit, Kont rolle, Liebe, Angst. Ich habe einige Men- schen begleitet, die diesen Weg gewählt haben – und ihre Familien danach. Was mich beeindruckt, ist die Ruhe, die manchmal in diesen Abschieden liegt. Da ist kein Trotz, keine Flucht, sondern ein bewusster Entscheid. Ich sehe meine Aufgabe darin, diesen Raum offen zu halten, ohne Moral. Wenn jemand aus mei- ner Familie diesen Weg gehen wür- de, würde mich das zerreissen. Aber ich würde trotzdem an seiner Seite bleiben. Denn Liebe heisst auch, Entscheidungen auszuhalten, die man selbst nicht treffen würde. Und ich wünsche mir, dass wir als Gesell- schaft diese Art von Mitgefühl eines Tages selbstverständlich finden. Was macht eine Abschiedsfeier würdevoll und tröstlich? Würde hat nichts mit Perfektion zu tun. Eine Feier ist berührend, wenn sie echt ist. Wenn jemand sich traut, zu weinen. Wenn eine Tochter eine falsche Note spielt und alle lachen. Wenn ein Freund eine Geschich- te erzählt, die niemand vergessen wird. Musik, Stimmen, Brüche, das alles gehört dazu. Eine Feier darf unordentlich sein, solange sie wahr- haftig ist. Ich mag Momente, in de- nen Menschen lachen und weinen gleichzeitig – das ist echtes Leben. Ich mag Momente, in denen Menschen lachen und weinen gleichzeitig Welche Rolle spielen Rituale für Sie? Rituale sind für mich Brücken zwi- schen Chaos und Sinn. Ich arbeite gern mit Symbolen: Steine, Wasser, Feuer, Wind. Etwas, das bleibt, wenn alles andere gegangen ist. Men- schen brauchen Formen, um das Formlose begreifen zu können. Das ist keine Esoterik, sondern Psycho- logie und Menschlichkeit. Ein Ritual ist für mich geglückte Sprache, ohne Worte. Wie hat sich die Sterbekultur in der Schweiz verändert? Wir haben den Tod enttabuisiert und gleichzeitig entfremdet. Früher war er sichtbar, heute ist er oft or- ganisiert. Ich finde: Er gehört zurück ins Leben. Abschied darf persönlich sein, aber nicht beliebig. Viele wollen heute etwas Eigenes gestalten, das ist wunderbar. Aber die Sehnsucht nach Tiefe bleibt. Sie zeigt sich dort, wo Menschen echt trauern dürfen, ohne sich zu recht- fertigen. Ich sehe eine neue Genera- EXIT bewegt, weil es zentrale Themen berührt ABSCHIED UND WÜRDE tion, die anders trauert – leiser, be- wusster, oft mit Humor. Das gefällt mir. Humor ist eine Form von Mut. Welche Vision haben Sie für eine moderne Sterbekultur? Ich wünsche mir mehr Mut. Mut, über das Ende zu sprechen, bevor es da ist. Und Akzeptanz für unterschied- liche Wege – auch für EXIT. Wir brauchen weniger Moral und mehr Mitgefühl. Vielleicht ist das die gros- se Aufgabe unserer Zeit: Sterben wieder menschlich zu machen. Ich wünsche mir, dass der Tod nicht län- ger etwas ist, das man «bewältigt», sondern etwas, das man verstehen lernt. Wie stellen Sie sich Ihre eigene Abschiedsfeier vor? Ehrlich gesagt: bunt. Vielleicht etwas chaotisch. Ich wünsche mir Musik, Lachen, Menschen, die etwas sa- gen, das mich in all meinen Wider- sprüchen zeigt. Ich möchte, dass man mich nicht idealisiert, sondern als Mensch erinnert, der unbequem, klar und liebevoll war, manchmal alles gleichzeitig. Ich hoffe, dass man mich vermisst, aber nicht ste- hen bleibt. Vielleicht läuft «Here Comes the Sun» von den Beatles. Und jemand sagt: «Sie war manch- mal schwierig, aber immer echt.» Welche Botschaft möchten Sie EXITMitgliedern und ihren Ange hörigen mitgeben? Der Entscheid über das eigene Ende ist kein Tabu, sondern Ausdruck von Freiheit. Wenn er mit Liebe getrof- fen und begleitet wird, kann Frieden entstehen. Und wer Frieden findet, lässt Liebe zurück, das ist mehr, als viele im Leben schaffen. Sterben ist kein Scheitern, sondern ein letzter Akt der Selbstbestimmung. Und viel- leicht auch ein Akt der Liebe – sich selbst und den anderen gegenüber. INTERVIEW: MURIEL DÜBY EXIT-Info 1.2026 17