INTERVIEW manchmal Zeit und Phasen des Um- lernens. Es geht vielleicht auch dar- um Leid nicht generell zu verdam- men, sondern eine Sicht auf Leid zu entwickeln, die dieses als Teil eines menschlichen Lebens sieht. Wir sind nicht nur autonome, sondern auch verletzliche Menschen – und diese Verletzbarkeit ist auch eine Quelle des Mitgefühls und der Solidarität. Gesellschaftlich wird diese Verletz- barkeit gern geleugnet, indem der «starke, selbstbestimmte Mensch» als Ideal erscheint. Wenn ein Suizidwunsch mehr über gesellschaftlichen Druck als über individuelles Leid aussagt – wie kann EXIT damit verantwortungs- voll umgehen? Ich denke, EXIT tut gut daran, bei Sterbewünschen sehr genau zu hin- terfragen, was die Wurzel dieses Wunsches ist und immer wieder auf- zuzeigen, wie auch in schwierigen Si- tuationen Hoffnung gefunden wer- den kann. Wenn es um EXIT geht, so habe ich selbst mit meinen eigenen Vorurteilen aufräumen können. Als tendenziell kritisch gegenüber Ster- behilfe, war ich auf einer Tagung bei EXIT eingeladen und habe dort eine der allerbesten Diskussionen über das lebenswerte Leben geführt, die ich je hatte. Aus diesem Austausch habe ich so viel mitgenommen, dass ich denke, dass Ihre Organisation auf einem Weg ist, die Relevanz der Frage nach dem lebenswerten Le- ben zu bedenken und umsichtig mit Urteilen und Sterbewünschen umzu- gehen. Sie zeigen, dass Menschen mit schweren Beeinträchtigungen ihr Leben oft als lebenswert empfin- den, ganz anders als viele Gesunde denken würden. Was können wir daraus lernen? Wir können lernen, dass das Leben auf ganz andere Weise lebenswert 14 EXIT-Info 4.2025 sein kann, als wir zunächst vielleicht denken. Eine der wichtigsten Lehren gab mir ein Mann mit auf den Weg, der das Locked-in-Syndrom hatte. Verletzbarkeit ist auch eine Quelle der Solidarität Auf die Frage: «Was macht ein Leben mit einer so schweren Einschränkung lebenswert?» hat er mir geantwor- tet: «Wenn man Locked-in bekommt, so wird einem alles genommen. Und dann erfährt man, welchen Wert das Leben selbst hat». Das vergessen wir in unserem Alltag allzu leicht. Auch bei Demenz ist das sogenann- te «Demenzparadox» faszinierend: Betroffene erleben Lebensfreude, wo Aussenstehende nur Defizite sehen. Inwiefern können auch Menschen mit Demenz noch ein lebenswertes Leben haben? Menschen haben Angst vor De- menz, das ist sehr verständlich. Aber das Demenzparadox zeigt, dass sich Aussen- und Innensicht hier unter- scheiden können. Demenz ist ein An- griff auf das, was wir als «Identität» erleben, aber es gibt tiefere Schich- ten des Bewusstseins, in denen es noch «primäre Erinnerungen» gibt: an früh vertraute Erfahrungen. An diese anzuknüpfen, kann ein Weg sein. Auch weiss man, dass Demenz- kranke oft ein besonderes Gespür für Resonanz haben, für wertvolle Augenblicke, in denen man der Welt ganz nah begegnet. Hoffnung, Resonanz, Sinn – dies sind Ihrer Ansicht nach wichtige Zugänge zum lebenswerten Leben. Wie können wir diese Erfahrungen auch am Lebensende ermöglichen? Das kann in kleinen Schritten gehen. Resonanz kann man geben, wenn man da ist, Nähe zeigt, zuhört, ge- meinsam lacht und weint. Resonanz ist ein Zugang zur Welt, der diese nicht als fremd und kalt, sondern als warm und nahbar erfahren lässt. Das kann immer aufs Neue passie- ren: in einem Gespräch, bei einem Halten der Hand. Zum Sinn lässt sich sagen: Fragen nach dem Sinn nicht ausweichen, sondern diese aufneh- men, auch wenn es darauf keine endgültige Antwort gibt. Viele Men- schen haben ja Angst, ob sie diese Fragen jemanden stellen dürfen. Ich glaube, es ist wichtig, dass man da- für Raum lässt. Und Hoffnung trägt Menschen immer. Dass der Mensch ein hoffendes Wesen ist, ist ein gros- ses Geschenk, das durch schwerste Zeiten tragen kann und neue Anfän- ge ermöglicht. Aber das Vermögen der Hoffnung ist auch dann noch stark, wenn es um das Sterben und den Tod geht. Das scheint mir gera- de für die Arbeit von EXIT sehr wich- tig. Was wünschen Sie sich von einer Organisation wie EXIT im Um- gang mit existenziellen Fragen am Lebensende? Ich war – wie gesagt – beeindruckt von den Mitarbeitenden bei EXIT. Selten habe ich bei einer Veranstal- tung ein so hohes Mass an Reflexi- onsfähigkeit gesehen, auch auf die eigene Position, verbunden mit einer hohen Toleranz gegenüber anderen Auffassungen. Es gibt auf vieles ja keine einfachen Antworten. Diese Auseinandersetzung mit existenziel- len Fragen weiter zu stärken, scheint mir darum sehr wichtig. EXIT hat eine grosse Verantwortung und ist sich dessen bewusst. Über Leben und Tod, Autonomie und Gesellschaft, Sinn und Hoffnung immer wieder nachzudenken, scheint mir ein guter Weg für die Zukunft zu sein. INTERVIEW: MURIEL DÜBY